Die Angst - oder wie kommt eine Klasse auf den Berg


Eine 8. Klasse für eine gemeinsame Klassenfahrt zu begeistern, ist bei den verschiedenen Interessen nicht so einfach. Vom Segeln übers Snowboarden kamen wir letztlich zum Klettern. Mit der Unterstützung des Alpenvereins in Österreich konnten wir deren Zeltlager in Weißbach benutzen und errichteten dort unser "Basiscamp" mit zwei Großzelten für die Schüler und ein paar kleineren Zelten für die Betreuer. Was aber soll eine Klassenfahrt neben dem sozialen Miteinander überhaupt bewirken? Da gibt es noch eine weitere Komponente, die sich uns sehr schnell offenbarte, nämlich die eigene Angst. Einige Schüler und Schülerinnen bekannten sich zur Höhenangst und schilderten glaubhaft schwierige Situationen, in denen sie sich dieser Angst bewusst wurden. Andere wiederum hatten schlicht Angst vor der körperlichen Anstrengung, ob sie ihr gewachsen sein würden. Heimweh war kaum noch ein Thema, aber für eine Reihe von Schülern war es die erste Reise in die Berge überhaupt und viele Dinge für sie unbekannt. Also gab es die Angst vor dem Neuen, Unbekannten.

Die erste Woche bewohnten wir unser Basiscamp und genossen gleich am ersten Abend nach der langen Bahnfahrt die imposante Aussicht auf hohe Berge ringsumher, die aber auch etwas bedrohliches vermittelten. Am nächsten Morgen konnten wir bei Sonnenschein die Gipfel bereits im Morgenrot leuchten sehen, ins Tal und damit auf unseren Zeltplatz kamen die ersten Sonnenstrahlen erst gegen 9:30. Wir teilten uns auf in drei Gruppen. Die erste Gruppe lernte an diesem Tag die Kletterknoten, das Abseilen und das gegenseitige Sichern. Zuerst auf dem Zeltplatz, später ging es an die richtigen Felsen im nahe gelegenen Weißbach, wo sich ein gesicherter Klettergarten bis 100m über dem Dorf erhebt. Die beiden anderen Gruppen hatten die Aufgabe, sich mit Karten im Gelände zu orientieren und bei ihren zum Teil ausgedehnten Wanderungen sich die erforderliche Kondition für eine geplante Hochgebirgswanderung zu erwerben sowie sich an die dünnere Luft zu gewöhnen. Die herrlichen Ausblicke in die Täler waren für einige Schüler schon gewöhnungsbedürftig, konnten aber zunehmend genossen werden. Die Angst vor der Höhe verlor sich allmählich.

Beim Klettern gab es dagegen noch ganz andere Dinge zu bewältigen. Hier zeigten sich die Schüler von ihrem sonstigen gewohnten Habitus völlig gelöst konfrontiert mit ihrem eigenen Können oder auch Unvermögen und machten neue Erfahrungen, die sie zum Teil selbst nicht für möglich gehalten hätten. Ein Schüler, der aufgrund einer Hautkrankheit angeblich nicht in der Lage war, sich auch nur festzuhalten, schaffte den kleinen Kletterweg von 4 m letztlich durch den Zuspruch seiner Mitschüler doch und gewann Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten. Aus dieser Höhe auf seine Mitschüler zu blicken, war auch schon eine Herausforderung, weil nun kein Geländer ihn schützen konnte. Nur ein dünnes Seil und ein Klettergurt waren die einzige Halt gebende Sicherung. Noch spannender wurde die Angelegenheit, als sich die Schüler gegenseitig sichern mussten. Da brachen zum Teil alte Vorurteile durch und bereiteten Angst. Oder war es das mangelnde Vertrauen? Der soll mich halten? Dem vertrau ich mein Leben an?

Mit dem Umzug zum Klettergarten kam nun zum ersten Mal auch richtige Höhe dazu. Dafür konnte man sich nun am echten Fels erproben, der von der Sonne erwärmt, ein gutes und sicheres Gefühl vermittelte. Das wurde aber jäh gestört, als wir erfuhren, dass erst vor zwei Wochen 2 Mädchen von herabstürzenden Gesteinsbrocken fast erschlagen worden wären. Also, eine absolute Sicherheit gab es offensichtlich in den Bergen nicht. Die Ermahnungen, wie wir uns bei einem Steinfall zu verhalten hätten, wurden daher sehr ernst genommen. Aber was bewirkte dieser Zustand, der Umgang mit der Angst? Irgendwie wurde das Leben, das Erleben intensiver, farbiger, deutlicher. Sich mit der Angst auseinander zu setzen, bedeutete Mut zu entwickeln. Vor allem war jeder mit sich selbst konfrontiert. Jeder mehr oder weniger. Wenn weniger, dann nahm er oder sie Anteil an den Ängsten der anderen. Und so bekam das Leben unserer Klassengemeinschaft mehr Tiefe.
Das Erklettern des Felsens war für die meisten an den ersten Tagen gut zu schaffen, hatten wir doch dafür extra ein paar leichtere Routen ausgewählt. Auch die Höhe war gut zu bewältigen, da die Strecken vielleicht 15 m lang waren. Hinauf ging meist gut, das war nur eine Frage der Geschicklichkeit, weniger der Kraft. Aber hinab? Das war für sehr viele das eigentliche Problem. Es war auch nicht die Angst vor der Höhe, an die man sich mittlerweile gewöhnen konnte, es war schlicht die Angst vor dem SICH - FALLEN - LASSEN. Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten, Vertrauen in das Seil, Vertrauen in die Klassenkameraden am anderen Ende des Seils, überall plötzlich konfrontiert mit einer gewaltigen Angst vor dem SICH - VERLIEREN können. Solche Situationen waren die echten Herausforderungen während dieser Klassenfahrt und für eine ganze Reihe von Schülern eine wichtige Selbsterfahrung. Ohne diese Erfahrungen, die sie nach bestandener Abseilaktion oft wiederholt als Erlebnis aufsuchten, wäre der Aufstieg auf 2200 m Höhe in einer steilen Wand am sechsten Tag unserer Klassenfahrt nicht denkbar gewesen.

Am Sonntag begaben wir uns nach einer intensiven Vorbereitung (jeder hatte mittlerweile seine "Grundausbildung" als Bergsteiger bestanden) an den Aufstieg zum Riemannhaus, bei dem 1200 Höhenmeter zu bewältigen sind, zum Teil in sehr steilem Gelände. Außerdem trugen wir alle einen Rucksack mit unseren persönlichen Dingen wie Kleidung, Schlafsack und zusätzlich die Verpflegung für 4 Tage. Das machte im Schnitt 12 -14 kg aus. Auch da zeigte sich wieder eine Angst, nämlich die Angst, mit dieser Last nicht zu recht zu kommen. Da gab es die unterschiedlichsten Gründe, die jede für sich genommen eine echte "Last" waren. Ich freute mich, wie die Klasse im Dialog miteinander dieses Problem löste. Die Lasten wurden letztlich von allen so verteilt, dass jeder sein Päckchen zu tragen hatte, die einen ein leichteres und die anderen ein schwereres.

Der Blick vom Tal auf das Breithorn ließ einige Schüler erschauern: wie sollen wir denn da hinauf kommen? Und wo gibt es da bitte schön einen gangbaren Weg? Das Schild im Tal mit einer vermeintlichen Wegzeit von 4 Stunden konnte von niemandem ernst genommen werden. Und so dauerte unser Aufstieg mit geruhsamen Pausen letztlich auch 6 Stunden, die aber immer noch für einen solchen Tross aus dem Flachland und mit Gepäck eine echt gute Zeit bedeutet. Die herrliche Aussicht von unterwegs und dann oben auf dem Gipfel des Breithorns, auf den sich nach einer kurzen Pause einige Unermüdliche noch aufmachten, war denn auch eine echte und durch eigene Anstrengung erworbene Belohnung. Die grandiose Fernsicht auf die schneebedeckten Gipfel der Venediger Gruppe war atemberaubend. Das lag eben nicht nur an der dünnen Luft und fast 2600m Höhe. Wir hatten es also geschafft. Die Höhenangst war bezwungen, gegenseitig hatten wir uns an den steilen und ausgesetzten Passagen geholfen und dabei auch die Angst bezwungen, die uns gleichzeitig einen tieferen Einblick, oder soll ich sagen "Tiefblick" ermöglich hat?

In diesem Sinne könnte ich noch viele Erlebnisse schildern, für die hier der Platz nicht ausreicht. Aber das echte Erlebnis an dieser Klassenfahrt lässt sich sowieso nicht schildern, das tragen die Schülerinnen und Schüler als innere Bilder und als neue Erfahrungen in sich. Manchmal lassen sie uns ein wenig daran teilhaben und erzählen etwas. Aber das, was diese Bergfahrt mit ihnen gemacht hat, tragen sie als einen kleinen Schatz in sich. Und so, wie sie beim Klettern ihre Ängste bezwungen haben und dabei sich selbst neu erfahren konnten, so werden sie in den kommenden Jahren an vielen Lebensstationen erneut mit Ängsten sich auseinander setzen müssen. Mögen sie sich dann an ihren Mut erinnern, den sie im Fels gezeigt haben. Das Leben braucht den Mut und die Angst. Wer Angst kennt, lebt länger.

Uwe Strehlau
Klassenlehrer


Foto: Aussicht beim Aufstieg
Aussicht beim Aufstieg

Foto: Aufstieg zum Riemannhaus
Aufstieg zum Riemannhaus

Foto: Pause nach einem Steilstück
Pause nach einem Steilstück

Foto: unser Weg durch das Steinerne Meer
unser Weg durch das Steinerne Meer

Foto: Gipfelglück auf dem Breithorn 2504m
Gipfelglück auf dem Breithorn 2504m

Foto: am echten Fels
am echten Fels

Foto: mit Eurythmielatschen beim Ab"fliegen". So seilten sich zuletzt die Unerschrockenen ab.
mit Eurythmielatschen beim Ab"fliegen". So seilten sich zuletzt die Unerschrockenen ab.

Foto: Morgenstimmung über unserem Zeltlager
Morgenstimmung über unserem Zeltlager

Foto: da sollten wir hoch??? Wo denn? Wie denn? Was denn?
da sollten wir hoch??? Wo denn? Wie denn? Was denn?

Foto: Nach 4 Tagen durch das Steinerne Meer fällt der Abschied von den Bergen schwer. Klassenfoto vor dem Ingolstädter Haus 2119 m
Nach 4 Tagen durch das Steinerne Meer fällt der Abschied von den Bergen schwer.
Klassenfoto vor dem Ingolstädter Haus 2119 m


Länge der Bergtour: 4 Tage, 100 km und 4800 Höhenmeter

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