Jahresarbeiten - Anspruch

Die Jahresarbeiten der 12. Klasse sind Teil des Waldorfschulabschlusses. Im Kanon der Abschlussprojekte wie Kunststudienfahrt, Turnabschluss, Künstlerischer Abschluss (Eurythmie, Musik), Klassenspiel zeichnen sich die Jahresarbeiten dadurch aus, dass sie eine in jeder Hinsicht individuelle Leistung des Schülers darstellen. Der Anspruch des einzelnen Schülers als Individuum erkannt und der Versuch der Lehrer diesem Anspruch gerecht zu werden, durchziehen die gesamte Waldorfpädagogik und kulminieren im Jahresarbeitsprojekt. Daraus ergibt sich, dass nicht nur die Themenwahl und das schließlich darstellbare Ergebnis jeweils einzig sind, sondern auch der Prozess mit all seinen Möglichkeiten der thematischen Verzweigung oder Entwicklung, des persönlichen Sich-Steigerns, Stagnierens oder gar Scheiterns.

Themenfindung

Bereits der Themenfindung kommt eine große Bedeutung zu. Ein Thema öffnet Wege, verschließt andere, stellt aus sich heraus bestimmte Anforderungen an die leiblichen, seelischen, intellektuellen Kompetenzen des Schülers, inhaltlich wie prozessual. Die Suche nach einem geeigneten Thema ist deshalb als integraler Teil der Jahresarbeit anzusehen. Sie wird meist initiiert und vorangetrieben von den Klassenbetreuern und setzt sich fort in Einzelgesprächen zwischen einem Lehrer als einem möglichen Mentor oder auch nur als einem Berater auf dem Weg zu einem Thema und einem geeigneten Mentor. In einem oder mehreren Themenfindungsgesprächen gilt es herauszufinden, ob ein oder welches Thema für den jeweiligen Schüler geeignet ist.
Im Idealfall bietet ein Jahresarbeitsthema offene Fragen und führt an Grenzen der persönlichen Entwicklung. Eine Jahresarbeit sollte außer einem gedanklich-theoretischen einen praktischen Teil enthalten oder, wenn sie schwerpunktmäßig eine praktische Arbeit ist, komplettiert werden durch eine schriftliche Dokumentation.

Schriftliche Arbeit

Häufig wird die Jahresarbeit von Schülern zunächst identifiziert mit der am Ende vorzulegenden schriftlichen Arbeit oder einem herzustellenden Werkstück. Dabei sind diese nur Produkt eines Entwicklungsweges, in diesem jedoch liegt die pädagogische Hauptintention der Jahresarbeiten. Gleichwohl dürften Inhalt und Erfolg einer Arbeit schwer zu vermitteln sein ohne solche Produkte. Hierin liegt denn auch der Hauptzweck der schriftlichen Arbeit: nicht nur ein Ergebnis zu präsentieren, sondern auch den Weg dorthin erkennbar werden zu lassen. Auf die gelegentlich gestellte Frage, wie viele Seiten die schriftliche Arbeit haben muss, gibt es keine eindeutige und gleichzeitig sinnvolle Antwort. Aber es wird hier deutlich, dass allein das rasche Verfassen eines längeren Textes am Ende des Arbeitsjahres weder eine Jahresarbeit ist noch ersetzt, selbst wenn der Text gelungen ist: Eine Jahresarbeit ist die Arbeit eines Jahres. Wie intensiv und kontinuierlich oder oberflächlich und lückenhaft auch immer sie ist: Eine Lücke setzt dasjenige voraus, in welchem sie sich befindet.

Präsentation

Die Jahresarbeit wird zum Abschluss in einer zweitägigen schulöffentlichen Veranstaltung einem größeren Publikum präsentiert. Ein Teil dieser Vorstellung ist die Gestaltung eines Tisches, auf dem außer der schriftlichen Arbeit und ggf. einem Werkstück verschiedene auf das Thema verweisende Objekte, Arbeitsutensilien, Bilder usw. dargeboten werden. Der andere Teil ist die mündliche Vorstellung mit anschließender Fragemöglichkeit. Jedem Schüler steht ein, nach Absprache auch variabler, Zeitraum von etwa 15 Minuten zur Verfügung. Die Präsentation der Jahresarbeit ist immer auch eine Selbstpräsentation des Schülers und wird deshalb als Prüfung erlebt, auch wenn es sich nicht um eine Prüfung im herkömmlichen Sinn handelt. Ggf. wird die mündliche Darstellung ergänzt durch eine praktische Demonstration, oft auf der Bühne.
Nach der Präsentation der Arbeit findet in kleinen Gruppen eine Nachbesprechung der Arbeit statt, in der es vor allem um eine rückblickende Reflexion der Themenwahl, der Zeiteinteilung, der Arbeitsweise, möglicherweise Krisen und, insbesondere Lern- und Entwicklungsprozesse jenseits des Thematischen geht. Der Mentor schreibt schließlich ein Gutachten, dass ein obligatorischer Teil des Waldorfschulabschlusszeugnisses ist.